Sternstunden des Belcanto

"I Puritani" konzertant in der Semperoper - mit der unvergleichlichen Edita Gruberova

Es ist ein Abend jener Kunst, durch Melodien, die Bellini in Rezitativen und Arien, Duetten und Szenen, Romanzen, Cabaletten, Chören und wahrhaft attraktiven Ensembles scheinbar dahinfließen lässt, Emotionen zu wecken und - es mag paradox klingen - durch Erschütterung zu unterhalten. "I Puritani" war Vincenzo Bellinis letzte Oper, sein Melodramma wurde im Januar 1835 in Paris uraufgeführt, im September desselben Jahres stirbt er im Alter von nur 34 Jahren. Heinrich Heine schrieb, dass der ganze Mensch aussah "wie ein Seufzer...", stellte in seinem Ausdruck "Schmerz ohne Tiefe" fest, sprach aber auch davon, dass ihn eine von allen hässlichen Berührungen rein gebliebene Seele auszeichnete, Gutmütigkeit, Kindlichkeit und Genialität.

Obwohl in Bellinis Werk, das 1645 in Plymouth spielt, unter den Personen des Dramas Puritaner, also Anhänger Oliver Cromwells, und Anhänger der Stuarts sind, sogar die Witwe des hingerichteten Königs Karl I. dabei ist, geben Historie und vage angedeutet politische Konstellationen lediglich eine Folie für eine Folge von Anlässen, Szenen zu komponieren, die vornehmlich der Gesangskunst verpflichtet sind. Dabei die klassischen Prüfungen für das liebende Paar Elvira und Arturo: Er rettet das Leben der bedrohten Königswitwe, verliert beinahe das eigene, treibt damit Elvira in den Wahnsinn. Riccardo, Elviras abgewiesener Bräutigam, will die Situation für sich nutzbar machen, und Sir Giorgio versöhnt, heilt, wirbt und führt zum Guten. Am Ende siegt Cromwell, alle Gefangenen werden begnadigt, der Wahnsinn hat ein Ende, die zu Beginn verhinderte Hochzeit kann stattfinden. Allgemeiner Jubel mit Pauken und Trompeten und vor allem, befreit von irdischer Schicksalsschwere, Elviras Spitzenton, nicht mehr im Wahn, aber auch nicht mehr ganz von dieser Welt.

Bellinis Protagonistin ist eine Kunstfigur, eine Fiktion. Zu Beginn jedes der drei Akte ist ihr Gesang zunächst aus der Ferne zu vernehmen. Ob nun im Glück, im Zustand des Wahns oder im Rausch des Finales, der Komponist gibt der Sängerin so oft vor, sich in den höchsten stimmlichen Regionen zu bewegen, dass vieles von dem, was sonst in tieferen Lagen als emotionaler Schocker auf der Opernbühne eingesetzt wird, gar nicht möglich ist. Eine Sängerin der Elvira muss zunächst durch Virtuosität und makellose Technik überzeugen.

Edita Gruberova, die Primadonna ohne Allüren, kann das und wurde dafür bei der konzertanten "I Puritani"-Aufführung in der Semperoper stürmisch gefeiert. Sie verblüfft eben durch genau jene Kunstfertigkeit, sie steigt mehrmals in die dreigestrichenen Regionen auf und lässt dabei weder Schönheit noch Klarheit des Gesanges vermissen. Sie muss nicht Tremolo für Leidenschaft verkaufen, dafür strahlt ihre instrumental geführte Stimme immer wieder klar über dem ganzen Ensemble wie das Kontinuum der Unbesiegbarkeit von Güte und Liebe. Für die Charakteristik der Stimmungsbilder setzt sie stilgerecht ihre künstlerischen Mittel ein, Triller und Koloraturen, wobei jede Silbe betont bleibt, und immer wieder ihre atemberaubende Spezialität, hoch gesetzte Töne, zart wie Seidenfäden, im Pianissimo zu singen. Ihre Ensembledisziplin ist vorbildlich.

An ihrer Seite zunächst der Tenor, vom Publikum ebenfalls mit Jubel bedacht. Mario Zeffiri als Arturo hat die Tugenden eines tenore di grazia, die ihn für den Belcantogesang allgemein und für diese Partie auszeichnen. Hinzu kommen eine hochkultivierte Legatotechnik und schöner Pianoklang. Die exponierten Spitzentöne klingen ungewöhnlich hell, manchmal nicht ohne leichte Schärfen. Der Bariton Paolo Gavanelli verblüfft zunächst in seiner Auftrittsarie mit Zurückhaltung, überzeugendes mezza voce, feine Verzierungen und berührende Emotion. Später wird er robuster, setzt mehr auf Kraft. Jacques-Greg Belobo als Sir Giorgio gibt mit seiner runden Bassstimme den unbeirrbaren Vertreter von Güte und Versöhnung. Nichts geht ohne guten Onkel. Zumal Elviras Vater, Lord Valton, den Rainer Büsching darstellt, wenig Zeit für das Kind hat. Christa Mayers kurzer Auftritt als verfolgte Königin ist eindrücklich, und die frische Tenorstimme Woo-Kyung Kims in der kleinen Partie des Bruno, weckt einige Hoffnungen.

Mit dem von Matthias Brauer einstudierten Staatsopernchor und der Sächsischen Staatskapelle hat die Aufführung ein gediegenes Fundament. Friedrich Haider am Pult ist sachkundiger und versierter Dirigent dieses vor allem auf den Gesang konzentrierten Ausnahmeabends.

Boris Michael Gruhl

© Dresdner Neueste Nachrichten, 2005

Review originally published in the 15-Mar-2005 issue of Dresdner Neueste Nachrichten. Text reproduced by permission.


(Page last updated: 22-Mar-2005) 
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