(Lübeck, Liederabend, 16-Sep-2004)

 

Von Jürgen Feldhoff

Lübeck - Es gibt ihn wirklich, den Zauber des Gesangs. Die Sopranistin Edita Gruberova kann diesen Zauber vermitteln wie kaum eine andere Sängerin. Bei ihrem Konzert in der MuK machte sie noch aus dem banalsten Schubert-Lied eine kleine Kostbarkeit, ein Kunstwerk im besten Sinne. Man weiß gar nicht, was man mehr bewundern soll bei dieser Jahrhundertstimme. Die unglaublich feinen dynamischen Abstufungen, die wunderbaren Klangfarben oder die makellose Technik dieser Sängerin: Edita Gruberova beherrscht ihre Kunst. Im Schubert-Block zu Beginn des Abends zeigte sich erstmals auch die gestalterische Kraft der Sängerin. Das Lied der Mignon und vor allem "Gretchen am Spinnrade", dieses Wunderwerk des jungen Schubert, verwandelte sie in Miniatur-Opern voller Gefühl und mit geradezu expressivem Ausdruck. Schwebendes Piano, auch in der höchsten Höhe keine Schärfen, die gediegene Eleganz dieser Interpretationen, bei denen sie von Friedrich Haider hervorragend am Klavier begleitet wurde, war beispielhaft und wirkte trotz aller Perfektion niemals unbeseelt. Nach der Pause dann der Wechsel von der frühen Romantik zum Ende der Epoche. Die Lieder von Richard Strauss zeigten die andere Seite der Edita Gruberova. Sie ist ein hochdramatischer Sopran, das hat sie auf der Opernbühne oft genug bewiesen. In den Strauss-Liedern zeigte sich wieder die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten, über die diese Sängerin verfügt. Donnerndes Pathos und leiseste Töne, mit einer Delikatesse gesungen, herrlich weiche Übergänge - besser kann man Richard Strauss' Kompositionen wohl kaum zum Klingen bringen. Das Publikum in der MuK war begeistert, applaudierte und jubelte im Stehen. In ihren drei Zugaben gab Edita Gruberova dann noch einmal Kostproben ihrer Virtuosität. Schnelle und langsame Triller, ungeheuere Bögen aus der Höhe in die tiefste Tiefe: Das war eine Demonstration der Kunst des Gesangs. Und ganz zum Schluss bewies die große Sängerin mit "Ach wir armen Primadonnen" aus Karl Millöckers Operette "Der arme Jonathan" auch noch Humor. Ein phantastischer Abend.FEL

© Lübecker Nachrichten, 2004

Review originally published in Lübecker Nachrichten. Reproduced by permission. Special thanks to Jürgen Feldhoff and Joachim Schumann.


(Page last updated: 24-Sep-2004) 
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