Norma review, Das Opernglas 6/04, p. 9

BADEN-BADEN

Norma

24. April . Festspielhaus

Edita Gruberovas Mut, sich nun doch der fraglos größten Herausforderung ihres Lebenswerks zu stellen, verdient Respekt. Ein glanzvolles, medienwirksames Event, das - soviel vorweg - zu einem persönlichen Triumph geriet: Die Gruberova in ihrem europäischen Rollendebüt als Norma. Zunächst konzertant. Sie ließ bereits im Vorfeld keinen Zweifel daran, die Druidenpriesterin ganz aus ihrer Persönlichkeit heraus mit den ihr zu Gebote stehenden stimmlichen Möglichkeiten zu gestalten. Nichts anderes war zu erwarten, und sie tat gut daran, sich auf keine fragwürdigen Experimente einzulassen. Jedes künstliche Abdunkeln der Stimme oder verstärkter Druck zugunsten des dramatischen Effekts hätte in ein künstlerisches Debakel führen müssen. Dafür verfügt ihr nach wie vor heller und leicht ansprechender Koloratursopran nicht über die notwendige Substanz im tiefen Register. Die Slowakin spielte einmal mehr ihre eigentlichen Trümpfe aus, bescherte dem voll Bewunderung staunenden Auditorium ein wahres Feuerwerk ihrer geradezu epochalen Virtuosität und mithin eine vokale Sternstunde ersten Ranges. Im Bann dieser technisch konzentrierten und zugleich tief bewegenden Gestaltung waren historische Vorbilder schnell kein Thema mehr. Edita Gruberovas atemberaubende Schwelltöne, ihre zarten, hingehauchten Piani und die kraftvolle Attacke in der Höhe ließen ein sehr persönliches, aber in sich geschlossenes Rollenporträt mit den originären Stilmitteln des Belcanto entstehen, ohne aufgesetzten dramatischen überdruck. Ihre hochkarätige Interpretation war als eigenständige Alternative zu akzeptieren. Dass sie das Cantabile der Auftrittsarie "Casta diva" in der um einen Ganzton höher notierten Originalfassung sang, durfte man bei ihr als Selbstverständlichkeit voraussetzen. Wer die Norma hingegen vom singdramatischen Impetus grundsätzlich näher an der Isolde als an der Lucia angesiedelt wissen möchte, kam in Baden-Baden weniger auf seine Kosten. Ein vertieftes Hineinwachsen in die Partie liegt nahe und entspräche ganz dem Ideal ihres künstlerischen Credos, sich durch ständige Beschäftigung mit einem Stück weiter zu entwickeln. Mit dem Hinzutreten der szenischen Komponente, für 2006 an der Bayerischen Staatsoper avisiert, sind weitere interpretatorische Akzente zu erwarten.

In Elina Garanca stand der Starsopranistin eine ebenbürtige Partnerin zur Seite, die sich mit ihrem Debüt im Festspielhaus in einer der großen Partien ihres Fachs auf internationalem Parkett auf Anhieb etablierte. Ihre Adalgisa überzeugte durch viel Wärme im Timbre, bruchlos verblendete Register, Agilita sowie mühelos aufblühende, klar fokussierte Höhen und wurde zu Recht mit der Diva nahezu ebenbürtig bejubelt. Die beiden breit angelegten Duette mit Norma markierten heftig akklamierte Glanzpunkte der Aufführung, die Harmonie mit der Gruberova gelang geradezu perfekt. Derzeit noch im Ensemble der Wiener Staatsoper, darf man von der in Riga geborenen, überaus attraktiven Mezzosopranistin wohl auch künftig Großes erwarten. Neben derart herausragenden und die Aufführung dominierenden Stimmpotenzialen zu reüssieren, machte die Aufgabe für die beiden männlichen Protagonisten nicht leicht. Alastair Miles verfügt für den Oroveso nur bedingt über das profunde Bassvolumen, das man sich für gewöhnlich erwartet. Er sang betont schlank und kultiviert, ohne die erforderliche sonore Prachtentfaltung. Der Venezulaner Aquiles Machado bediente vornehmlich die auf Effekt zielenden tenoralen Klischees. Seinem Pollione schienen Stilgefühl und Differenzierungskunst weitgehend fremd. Die in der Biographie herausgestellten Studien bei Alfredo Kraus waren offenbar ohne größeren Erfolg geblieben. Eintöniges Mezzoforte beeinträchtigte den Vortrag weit stärker als kleinere, durch Nervosität zu entschuldigende technische Unzulänglichkeiten.

Sauber in der Intonation und rhythmisch von Holger Speck schmissig einstudiert, steuerten das Vokalensemble Rastatt und die Stuttgarter Choristen mit etwas monochromem Klangbild eine tadellose Leistung bei. Die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz präsentierte sich nach leichten Anlaufschwierigkeiten als weitgehend zuverlässiger Klangkörper, dem es allerdings deutlich an spielerischer Brillanz fehlte. Friedrich Haider am Pult mühte sich redlich um adäquate Tempi, markante Rubati und den großen Zusammenhalt. Dabei erzielte er in der üppigen Akustik des Festspielhauses raumgreifende Steigerungen von großer dramatischer Wirkung und blieb den Sängern stets ein kongenialer Partner.

J.-M. Wienecke

© Opernglas, 2004

Review originally published in the June 2004 issue of Opernglas. Text reproduced by permission.


(Page last updated: 11-Aug-2004) 
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